Prélude.

PréludeEs ist vorbei, alles vorbei, sagt die Lethargie. Sie hat mich gepackt, krallt sich mit zittrigen Fingern in meine Handgelenke, dass ihr die Knöchel weiß werden und hält mich fest. Ich liege halb auf das Bett hingesunken, halb mit den Füßen noch die Dielen berührend, ein schmerzhaftes Kribbeln zieht sich durch die großen Zehen, auf die ich das letzte Gewicht abgewälzt habe. Aufstehen musst du, aufstehen, denke ich, und greife nur fester und verkrampfter in die Decke, drücke ein fahlgraues Gesicht in die Kissen, bis ich kaum noch atmen kann.
Chopin dringt durch die Wände, der Nachbar spielt, er schiebt mir den Chopin durch die Mauerritzen und unter der Tür hindurch wie eine dahingewischte Nachricht auf einem Zettelchen mit fransigem Rand, wie ein Extrakt, koch dir eine Suppe daraus, wenn du möchtest. Prelude Opus 28 N° 4, zusammengefaltet und von mir wieder aufgeklappt, wie eine Notiz, nur: dass ich nicht lesen kann, nur hören, und so kommt der Chopin nicht an, wie er sollte.
Steh auf, sagen meine Zehen, und: lass es, wie es ist, mein Gesicht, und: wen stört es, sage ich. Du kannst nicht lesen, sagt meine linke Hand nüchtern, und fährt mit den Spitzen der Finger, die Decke freigebend, über die Falten des Kissens, über den dünnen Stoff, der glatt auf meinen Schultern liegt, bis in mein Haar und hält sich daran fest. Nie wieder?, frage ich sie, mit einem Hauch von Hoffnung, und Verzweiflung auch. Denn: ich weiß die Antwort ja längst. Noch nie, sagt die Rechte, sanft, lässt ebenfalls die Decke los, und drückt sich zu einer Faust zusammen, zu lange Nägel in ihre Innenseite bohrend, ohne auf den Schmerz hin nachzulassen. Lass los, sagt die Linke, und die Rechte gibt erstaunlich schnell nach, fährt ebenfalls ins Haar. Die Finger verschränken sich ineinander, betasten sich, die Wölbung des Schädels, die Kopfhaut, die dünnen Langen Fäden von brauner Farbe. Aber davon wissen sie ja nicht, die Finger, sie wissen nichts von Farben, und auch nichts von Worten, ihr Blick reicht nur eine Armlänge weit. Das Schlimme daran ist: das ist weiter, als ich noch sehe.
Wieder das Prélude, immer wieder, es setzt sich immer besser zusammen, je öfter es herüberschwappt, die Vibrationen hämmern durch den Boden hindurch, durch die Füße des Bettes, durch die Matratze und das Kissen in mein Gesicht, das schwer wiegt, so schwer, dass es den Kopf heruntergezogen hat, der es nicht mehr halten kann. Gerade noch rechtzeitig hat er nachgegeben, bevor das schwere Gesicht sich lösen und herabfallen konnte, der Kopf ist dem Gesicht im drohenden Fallen gefolgt, um den Abriss zu verhindern. Und jetzt kann er nicht zurück, der Kopf, ohne zu riskieren, dass das Gesicht kleben bleibt im weißbezogenen Daunenkissen.
Wie eine Rauchschwade hängt der Chopin jetzt im Zimmer, tief über dem Boden, ich fühle es, aber es sagt mir immer noch nichts, ich kann es nicht hören, ich kann es nicht lesen, obwohl es so deutlich ist wie die Hände auf meinem Hinterkopf und der Stoff des Kissens in meinem Gesicht. Du kannst nicht lesen, sagt das Klavier, und heute morgen sagte die Zeitung: Lass es doch bleiben.
Es hängen Worte über den Dingen, über jedem Schrank, jedem Fußabtreter, über meinem Bett gerade und über mir, ich weiß es, weiß dass sie da sind, ich habe sie gesehen, aber: ich sehe sie nicht mehr. Würde ich jetzt hinüber schauen, dorthin, wo das Fenster ist, sähe ich: Ein weiß lackiertes altes Holzfenster das nicht richtig schließt und eine gelbliche Gardine und im Hintergrund die Welt, irgendwo, aber: nicht mehr. Nur das, nur ein Fenster und eine Gardine und dahinter wie aufgemalt eine Welt. Ich habe die Schatten der Worte gesehen, noch eine zeitlang, weil ich wusste, dass sie da sind, aber ich konnte sie nicht mehr lesen, sie waren wie in einer fremden Sprache, und nun sind sie weg. Endgültig. Wozu brauchst du mich noch, sagt mein Gesicht, wenn du nicht mehr lesen kannst? Wer nicht lesen kann, kann nicht sprechen, und wer nicht sprechen kann, nicht schreiben, und wenn du nicht schreiben kannst, und nicht lesen, und nicht sprechen, wozu brauchst du dann Augen und einen Mund, und ein Gesicht, an dem dich die Leute erkennen?
Ich höre noch den Chopin, aber obwohl er mich fest gegriffen hat, umringt, umschlungen, sagt er nichts, sagt mir nichts, nichts außer: Chopin, Opus 28, N° 4, und das Bett sagt: Bett, das Kissen: Kissen, und ich denke: Bett, denke: Kissen, denke: nichts. Und dann sagen sie alle nichts mehr, nicht einmal das, und ich:
Ein flacher Atemzug. Nicht mehr.