aesculus hippocastanum

aescolusIch weiß: Es ist lang her, dass ich geschrieben habe. Es ist schon wieder Sommer, und ich weiß überhaupt nicht, was ich damit anfangen soll. Ich bin in dieser fremden Stadt und gerade mit einem fremden Bus eine fremde Straße entlanggefahren: Ich weiß nicht, wo ich bin. Aber ich kann sagen, dass die Kastanien blühen und zuhause jetzt ihren schweren, süßlichen Geruch durch die Allee treiben, in der ich gewohnt habe. Ich kann sagen, dass es eine große Stadt ist, in der ich jetzt bin, und dass viele Menschen hier einen Geruch an sich haben, der an den eine Allee erinnert, den Geruch alter Damen, nur: dass hier alles so riecht, immer, nicht nur im Mai.

Ich habe es in der Tram zuerst bemerkt. Die Frau mir gegenüber ordnete ihr Haar, versuchte eine verrutschte Nadel wieder an ihren Platz zu stecken, doch fiel sie ihr zwischen den Fingern hindurch, und sie musste sich herunterbeugen, um zwischen unseren Füßen danach zu suchen. Ich war ebenfalls gerade im Begriff, mit einem meiner Arme in Richtung Boden zu langen, da war vor meinem Gesicht plötzlich ihr Haar, dunkelbraun und etwas grau; meine Nase berührte es fast. In ihrem tiefen Ausschnitt baumelte ein goldenes Kettchen. Nur eine Sekunde hing ich so, halb vorgebeugt, mein Gesicht ganz nah am Hinterkopf dieser fremden Frau, ohne dass sie es bemerkte. Nur eine Sekunde, aber da roch ich es: das schwere süße Kleben, das man nicht mehr los wird, wenn man es einmal hat. Es nistet sich ein in den Menschen, nicht nur im Haar, und nicht nur bei den Alten, das ist das schlimme daran. Jeder trägt es, nur legt es der eine morgens im Bad dick auf, und der andere versucht verzweifelt, es herunterzukratzen: Es hängt mir unter den Nägeln.
Ich erschrak in diesem Augenblick, weil ich da noch dachte, es sei nur an mir. Die Frau lächelte, wieder aufrecht, die Nadel zwischen ihren Fingern. Sie weiß nichts davon, dachte ich damals erstaunt, sie hat noch nichts bemerkt. In ihrem Garten steht ein Apfelbaum, und sie weiß nicht, wie er riecht, sie weiß nur von den Äpfeln: Vielleicht tut sie gut daran.

Von da an suchte ich danach: ob ich es auch in anderen dingen fände. Ich schnupperte durch die Straßen, und tauchte meine Nase tief in den Geruch der Menschen, wo sie im Gedränge an mich stießen: Ich fand es überall. Ich kann jetzt nichtmehr umhin, damit zu leben. Die Menschen tragen es nicht nur, sie schleifen es hinter sich her, eine unsichtbare Schleppe, so dass es kleben bleibt an ihren Orten. Die Busse riechen so, die Bahnen und die Läden, und besonders ihre Häuser: Es zieht aus den Fenstern, sie schütteln es aus ihren Betten in die Straßen.

Ich weiß nicht, was ich von alldem halten soll. Ich merke nur: Es ändert nichts. Die Leute leben so wie anderswo, vielleicht – ich bin fast sicher, jetzt im Nachhinein: Es ist auch so zuhaus. Die Frau steckte es sorgfältig mit einer Strähne in ihr Haar; ich merke: Manche pflegen es, obwohl sie doch nicht wissen, dass es ist. Ich weiß noch nicht, warum. Ich nutze Seife, Kern-.

Manchmal rieche ich an einem Kind. Oder ich fahre mit dem Bus: Ich halte Ausschau nach Kastanien. Ich stehe dann darunter, Duft im Duft, und kann noch glauben, dass es nur die Blüten sind, nichts sonst, bloß aesculus hippocastanum, volle Blüte, Mai.

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